Diskussionspapier Medizinische Fakultät

Verbesserung der ärztlichen Versorgung in Ostwestfalen-Lippe durch Anbindung der medizinischen Ausbildung in der Region

Fakten

Die ärztliche Versorgung in Ostwestfalen-Lippe (OWL) ist mittelfristig gefährdet. Nach Schätzungen der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) werden in den nächsten 15 Jahren in OWL bis zu 3.500 Ärztinnen und Ärzte altersbedingt aus ihrer Tätigkeit ausscheiden. Dies betrifft ca. 1.100 Krankenhausärztinnen und –ärzte (30% der Krankenhausärzteschaft) und ca. 1.900 ambulant tätige Ärztinnen und –ärzte (63% der ambulant tätigen Ärzteschaft). Der Ersatzbedarf in OWL ist überdurchschnittlich hoch und wird noch höher ausfallen, da der Anteil der Ärztinnen an allen Ärzten und Ärztinnen auf Dauer deutlich ansteigen wird. Dieser Ersatzbedarf ist in Ostwestfalen-Lippe überdurchschnittlich hoch, da insbesondere ab 2017 deutlich mehr Ärzte altersbedingt aus der Versorgung ausscheiden werden als neu hinzukommen. Ab 2030 wird es dann nochmals zu einer deutlichen Verschärfung kommen, da dann doppelt so viele Ärzte aus der Berufstätigkeit ausscheiden als nachrücken.. Ohne Gegensteuern wird das derzeitige Versorgungsniveau nicht zu gewährleisten sein. Ein Rückfall der Arztzahlen in OWL auf das Niveau der 1970er Jahre ab 2030 ist realistisch, wenn keine wirksamen Gegenmaßnahmen getroffen werden. Verschärfen wird sich die Versorgungssituation noch durch die Tatsache, dass die Leistungsnachfrage aufgrund der demographischen Entwicklung und des technischen Fortschritts sehr deutlich zunehmen wird.

Das Alter sowohl der niedergelassenen Ärzte als auch der Krankenhausärzte ist in OWL überdurchschnittlich hoch. Im regionalen Vergleich weist der Regierungsbezirk Detmold den höchsten Altersdurchschnitt der Ärzte in Westfalen-Lippe auf. In drei von sieben Kreisen (BI, HF, LIP) sind bereits gegenwärtig über 30% der Hausärzte 60 Jahre oder älter. Bielefeld hat unter den kreisfreien Städten in Westfalen-Lippe den höchsten Anteil an Hausärzten im Alter von 60 und älter. Zugleich gehört OWL auch zu den Regionen, in denen der Anteil der Hausärzte im Alter bis zu 45 Jahren vergleichsweise niedrig ist. In PB, HF, BI und GT liegt dieser bei unter 15%.

Bei den Fachärzten scheint das Versorgungsniveau noch einigermaßen gesichert, allerdings zeichnen sich auch hier erste Krisenherde ab. Bei den niedergelassenen Frauenärzten liegt der Anteil der Ärzte, die 60 Jahre oder älter sind, in der Stadt BI und den Kreisen HF, HX und LIP bei über 30%. Bei den Neurologen und Psychiatern liegt der Anteil der Ärzte, die 60 Jahre oder älter sind, in den Kreisen HF, HX und LIP bei 40% und mehr.

Da aktuell kaum eine Nachfrage für Praxisübernahmen besteht, werden im Laufe der nächsten Jahre viele Praxen geschlossen werden. Dies wird für die Bürgerinnen und Bürger in OWL längere Wege zu den Praxen und längere Wartezeiten bedeuten.

Bereits gegenwärtig sind besondere Anstrengungen für die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung notwendig: Derzeit sind für Hausärzte alle Planungsbereiche in Ostwestfalen-Lippe für Nachbesetzungen geöffnet. Bielefeld ist die einzige kreisfreie Stadt in Westfalen-Lippe, die derzeit für die Nachbesetzung von Hausarzt-Praxen nicht gesperrt ist. Der Regierungsbezirk Detmold ist der einzige Regierungsbezirk in Nordrhein Westfalen, in dem alle Planungsbereiche in der hausärztlichen Versorgung für Nachbesetzungen geöffnet sind.

Die Krankenhäuser haben – nach einer aktuellen Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) – gegenwärtig eine angespannte Personalsituation: Für Ostwestfalen-Lippe bedeutet eine proportionale Übertragung der DKI-Zahlen, dass gegenwärtig rund 150 Krankenhausärzte fehlen und bis 2019 etwa 775 Ärzte in Krankenhäusern zusätzlich benötigt werden.

Der Ärztebestand in den Krankenhäusern in Ostwestfalen-Lippe ist schon jetzt im Vergleich niedrig. Auf 10.000 Einwohner kamen im Jahr 2009 in Nordrhein-Westfalen 18,3 Ärztinnen und Ärzte, in Ostwestfalen-Lippe hingegen nur 15,7 Ärztinnen und Ärzten. 2009 hatte eine Ärztin bzw. ein Arzt im Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt 126,5 Patienten zu behandeln, in Ostwestfalen-Lippe hingegen 136,7 Patienten.

Ärzte, die heute im Krankenhaus fehlen, werden in Zukunft in der ambulanten Versorgung fehlen! Der Mangel an Krankenhausärzten heute ist der Mangel an niedergelassenen Haus- und Fachärzten von morgen!

Die Versorgungsproblematik in OWL hat sicher viele Gründe, als eine ihrer zentralen Ursachen kann aber die ungleiche Verteilung universitärer Kapazitäten zwischen den Landesteilen (5 Standorten in Nordrhein stehen lediglich 2 Standorte in Westfalen-Lippe gegenüber) angesehen werden. Dadurch ergibt sich eine im Vergleich sehr niedrige Einwohner-Standort- Relation. Auf einen Universitätsstandort mit medizinischer Fakultät kommen in Deutschland 2,41 Mio. Einwohner, in Nordrhein-Westfalen 2,56 Mio. Einwohner, in Westfalen-Lippe jedoch 4,18 Mio. Einwohner. Aktuelle Studien belegen, dass Medizinische Fakultäten die Bereitschaft erhöhen, nach dem Studium (Weiterbildung, Niederlassung) in der Region der Universität ärztlich tätig zu werden (sog. Klebe-Effekt.)

Lösungsmöglichkeiten

Um die universitäre Ausbildung in OWL zu bringen werden seit Jahren 2 Konzepte diskutiert:

  1. Medizinische Fakultät mit 200 Studentinnen und Studenten mit Sitz in Bielefeld.
  2. Dependance-Lösung mit 60 Studentinnen und Studenten, die ihre universitäre Heimat in Bochum haben.

Die Kosten für eine medizinische Fakultät belaufen sich auf ca. € 145 Mio. für die Einrichtung sowie auf ca. € 45 Mio. jährlich für die laufenden Kosten. Für die Dependance-Lösung stellt die Landesregierung jährliche Mittel von ca. € 4,5 Mio. mit steigender Tendenz in Aussicht.

Nur eine Medizinische Fakultät kann als einzig wirksame Lösung für die oben angesprochenen Versorgungsprobleme angesehen werden. Um einen wirksamen „Klebe-Effekt“ zu erzielen, müssen die Studentinnen und Studenten ausreichend lange in der Region bleiben, um diese besser kennenzulernen und ausreichend soziale Kontakte zu knüpfen. Das 6 Jahre lange Studium bietet hierfür einen ausreichenden Zeitraum. Diese soziale Anbindung ist schließlich die Grundlage dafür, dass die jungen Ärztinnen und Ärzte nach dem Studium auch in der Region verbleiben, hier ihre Weiterbildung aufnehmen und sich idealerweise dann in OWL niederlassen oder eine Karriere im Krankenhaus anstreben. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Phase aus Studium und Weiterbildung mindestens 10 Jahre dauert. Eine zügige Realisierung des Projektes ist also dringend geboten.

Die Dependance-Lösung bietet diese Vorteile nicht. Die Studentinnen und Studenten werden die ersten 3 Jahre in Bochum bleiben und erst dann in die Region kommen. Da in diesen 3 Jahren sich die meisten in Bochum eingerichtet haben werden, werden sich die wenigsten in OWL ansiedeln. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass sich die Studierenden montags Richtung OWL und freitags Richtung Ruhrgebiet bewegen werden. Der „Klebe-Effekt“ wird dürftig ausfallen. Folge wird sein, dass sich nur wenige für eine Weiterbildung in OWL interessieren werden sondern sich hin zum großstädtischen Raum orientieren werden. Eine relevante Verbesserung der Versorgungsproblematik in OWL ist nicht zu erwarten.

Politische Realitäten

Die derzeitige rot-grüne Landesregierung tritt definitiv nicht für eine Medizinische Fakultät ein sondern unterstützt die Dependance-Lösung. Argumentiert wird u. a. mit den hohen Kosten einer Fakultät. Die Einrichtung einer medizinischen Fakultät würde rund 150 Mio. Euro kosten, die jährlichen Folgekosten bei ca. 50 Mio. Euro liegen. Der „Rekord“-Haushaltsplan 2014 sieht ein Volumen von rund 62,3 Mrd. Euro vor. Eingerechnet wurde eine zusätzliche Kreditaufnahme von 2,4 Mrd. Euro. Bereits im ersten Quartal des Jahres 2014 flossen dem Landeshaushalt Steuereinnahmen in Höhe von 11.3 Mrd. Euro zu. Das sind 634,1 Mio. Euro oder  5,9 % mehr als in den ersten 3 Monaten des Vorjahres. Wo bleibt dieses Geld (FH BI?) Die Finanzierung einer Medizinischen Fakultät erscheint vor dem Hintergrund der vorliegenden Zahlen kein illusorischer „Kraft“-Akt zu sein, sondern ein realisierbares Vorhaben. Die Landesregierung muss es nur wollen oder ist sie nicht daran interessiert, eine wirtschaftlich leistungsstarke Region mit rund 2 Millionen Einwohnern gegen ein Versorgungsproblem abzusichern, dass vorhersehbar kommen wird?

Wo stehen wir als Wirtschaftsregion? Die Industrieumsätze in NRW stiegen im 1. Quartal 2014 um 1,8 Prozent auf 77,9 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum stiegen diese in OWL im 1. Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,2 Prozent. Damit erwirtschafteten die Industriebetriebe der Region mit 50 und mehr Beschäftigten im ersten Quartal dieses Jahres einen Umsatz von 9,8 Milliarden Euro.

Die CDU-Landtagsfraktion hat sich medienwirksam über ihren Fraktionsvorsitzenden Laumann lautstark für die Einrichtung einer Fakultät stark gemacht. Kritisch anzumerken bleibt, dass die CDU das Projekt werde parlamentarisch auf den Weg gebracht noch eine seröse Finanzierung vorgelegt hat. Die Ernsthaftigkeit der Forderung nach einer Fakultät kann somit berechtigterweise stak bezweifelt werden.

Realität ist aber auch, dass sich ohne konkretes wirksames Gegensteuern die Problematik der ausreichenden flächendeckenden ärztlichen Versorgung sowohl im niedergelassenen Bereich als auch in unseren Krankenhäusern drastisch verschlechtern wird (s. o.).

Unumstritten ist die geplante Struktur der Fakultät mit Sitz in Bielefeld aber auch nicht unter Medizinern. Vertreter anderer Kreise glauben nicht an eine wesentliche „Abgabe“ von Studenten an ihre Krankenhäuser.

Überlegungen

  1. Nur die Einrichtung einer medizinischen Fakultät macht unter der Zielvorgabe, die medizinische Versorgung in OWL nachhaltig zu verbessern, Sinn!
  2. Die Haushaltslage lässt unter Berücksichtigung des Gesamthaushaltes und der Einnahmesituation (s. o.) nicht erkennen, warum eine Finanzierung nicht möglich sein sollte!
  3. Die Absage der Landesregierung an eine Medizinische Fakultät kann nurals weitere politische Aktion, den ländlichen Bereich zugunsten der Ballungsgebiete, zu benachteiligen (s. LEP, „Ruhr-Parlament“ etc.)